Zeittafel zur Geschichte der Anatomie von 1477 bis 1835

1477 Gründung der Universität Tübingen durch Graf Eberhard im Bart von Württemberg

1477 Besetzung des 1. medizinischen Lehrstuhls mit Johann May, genannt Maius

1482 Genehmigung zur Leichenzergliederung durch ein päpstliches Breve

1534 Brand und dadurch vollständige Vernichtung der "Sapienz", in der sich bis dahin das "Auditorium medicum" befand

1546 Erwerb eines Skeletts, das wahrscheinlich aus der Werkstatt Vesals stammt, von dem Stuttgarter Apotheker Ciriacus Horn

1551 Herausgabe eines ersten anatomischen Lehrbuchs in Tübingen von Leonhard Fuchs mit dem Titel "De corporis humani fabrica" in Anlehnung an Vesals 1543 gedrucktes, berühmtes, gleichnamiges Werk

1558 Zuweisung einer Stube im sogenannnten Barfüßerkloster, einem im 13. Jahrhundert gegründeten und im Zuge der Reformation aufgehobenen Franziskanerkloster, für die anatomische Sammlung

1588 Benutzung der St. Jakobs-Kapelle als anatomischen Demonstrationsraum und

1592 Übernahme der Kapelle (im Volksmund "Anatomiekirchle" genannt) durch die Fakultät als Anatomiegebäude

1652 Durchführung einer der letzten öffentlichen Sektionen

1696 Umbau der St. Jakobs-Kapelle zum anatomischen Theater

1763 Erstmalige Anstellung eines beamteten Prosektors mit Joseph Gaertner

1764 Durchführung regelmäßiger Sezierübungen unter Leitung von Georg Friedrich Sigwart im Wintersemester

1772 Neueinrichtung der anatomischen Anstalt

1803 Erstmalige Nennung eines institutseigenen Mikroskops

1806 Beginn der Verselbständigung und Trennung der Fächer Anatomie, Zoologie, Pathologie, Physiologie und Chirurgie

1810 Bezug des Laboratoricum chymicum als Nebengebäude der Anatomie

1835 Auszug der Anatomie aus der St. Jakobs-Kapelle in den Institutsneubau am Österberg

Quelle: Geschichte der Tübinger Anatomie von Klaus D. Mörike, erschienen als Band 35 in der Reihe Contubernium - Beiträge zur Geschichte der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, herausgegeben im Auftrag des Senats von Hansmartin Decker-Hauff.

Hundertfünfzig Jahre Anatomie auf dem Österberg von Klaus D. Mörike (erschienen in Tübinger Blätter 71/1984)

Trotz wiederholter Um- und Anbauten wurde Anfang des 19. Jahrhunderts das seit 1587 für die Anatomie von der Stadt zur Verfügung gestellte Kirchlein bei St. Jakob unzulänglich. Dessen Werdegang hat Karl Herzog in diesen Blättern 1982 geschildert. Doch erst Ende März 1817 genehmigte das Ministerium für Kirchen- und Schulwesen die Suche nach einem Bauplatz, der außerhalb der Stadt, aber in der Nähe liegen sollte. Schon am 3.5.1817 schließt die Universität mit dem Zimmermann Johann Jacob Bringel und dem Werkmeister Andreas Adam einen Kaufvertrag über deren Grundstücke vor dem Haagtor. Sie lagen "neben dem allgemeinen Weg gegen die Pfaffenwies und den Wassergraben zwischen dem Zwinger, grenzten oben an das Salzgärtlein der Stadt und unten an den Garten des Konditors Schweikhart an" (1). Das Gelände lag also etwa auf dem heutigen Parkplatz am Haagtor. Im Juni wurde der Anatom Prof. August Emmert (1777-1819) aufgefordert, nach Abstimmung mit dem Veterinärmediziner Prof. Hofacker die Baupläne einzureichen, denn in dem Gebäude sollte neben der Anatomie, die auch die Lehrgebiete Zoologie, Physiologie und Pathologie umfaßte, zudem eine geplante, gesamte Tierarzneikunde untergebracht werden. Dabei kam man dann von dem vorgesehenen Platz ab und kündigte den Kaufvertrag, worauf die Besitzer eine Ausfallentschädigung forderten (1).

Erst 1823 fand man einen anderen Bauplatz, bestehend aus dem ehemaligen Ploucquetschen und dem Mezschen Garten außerhalb des Lustnauer Tors am Hang des Österbergs (2). Vom Ploucquetschen Garten aus hatte Goethe am 7.9.1797 zusammen mit dem Buchhändler Cotta und dem Apotheker Gmelin den Blick auf Tübingen genossen und beschrieben (3). Nachdem das Ministerium den Kauf genehmigt hatte, begannen langwierige Verhandlungen bis 1827 mit der Stadt wegen der Herstellung eines Wegs zum Bauplatz, der dann 1829 in Angriff genommen wurde (2). Dann wurde als nächstes südlich vom späteren Haus ein ca. 20 m tiefer Pumpbrunnen angelegt, um schon gleich Wasser für den Bau am Ort zu haben. Dieser wurde bei einem späteren Bau 1879, als schon die Wasserleitung zum Anatomiegebäude lag, zugedeckt, überbaut und vergessen, so daß bei neuerlichen Arbeiten 1970 beinahe ein Arbeiter hineingefallen wäre.

Weil die Medizinische Fakultät ablehnte, die Tierarzneikunde in den Bau mit aufzunehmen, wurde dieser nur für die Anatomie errichtet. Daraufhin forderte das Ministerium den Wiederverkauf oder die Verpachtung eines Teils des Platzes. Schließlich einigte man sich, daß der größte Teil als Garten verpachtet wurde (4). Erster Pächter war dann der Extraordinarius und Prosektor Prof. Christian Baur. Die vielen Anbauten seit 1835 hätten auf einem verkleinerten Grundstück niemals Platz gehabt.

Erst 1833 wurde vom Ministerium der Bauplan von Kreisbaurat Roth genehmigt und mit dem Bau begonnen (5). Doch kurz darauf ließ Finanzminister Herdegen den Bau wieder einstellen, weil die Regierung wieder einmal die Verlegung der Landesuniversität nach Stuttgart erörterte und "in diesem Falle das Gebäude ganz unnütz wäre" (6). Die Unterbrechung dauerte kurz, der Bau wurde fertiggestellt und zum WS 1835/36 eröffnet. Wilhelm Rapp (1794-1868), seit 1819 Emmerts Nachfolger und seit 1827 ord. Professor für Anatomie, Physiologie, pathologische Anatomie, Zoologie und vergleichende Anatomie, gab dazu 1836 eine kleine Schrift über den Neubau (7) heraus mit einer hübschen Lithographie. Der Bau bestand aus einem zweigeschossigen Mittelteil und 2 dreigeschossigen Seitenteilen. Der Hörsaal ragt im Westteil vom Obergeschoß in den Oberstock des "Pavillons" hinein. Unter ihm befindet sich im Erdgeschoß eine für damalige Verhältnisse geräumige Hausmeisterwohnung, die genau 100 Jahre lang von den jeweiligen Hausmeisterfamilien bewohnt wurde. Im Pavillon der anderen Seite wurde die Sammlung untergebracht, die nur über den Dachboden des Mittelteils erreichbar war. In den verbleibenden Räumen war ein Zimmer für den Direktor und eines für den Prosektor, außerdem ein kleiner Raum für einen Hilfsassistenten (ein planmäßiger Assistent war noch nicht vorgesehen), dann ein Leichenraum mit Aufzug in den darüber befindlichen Kursraum und schließlich noch ein Kursraum für die Physiologie, der auch zum Mikroskopieren benutzt wurde. Das Gebäude war nicht unterkellert (8).

Prof. W. Rapp unterrichtete fast allein all die oben als sein Lehrgebiet aufgeführten Fächer, Prosektor Prof. Christian Baur (1768-1862) las vorwiegend Osteologie (Knochenkunde), manchmal auch die systematische Anatomie, und leitete vor allem die Kurse über menschliche Anatomie, pathologische Anatomie und über gerichtliche Leichenöffnungen (9). Als Wilhem Rapp 1842 beantragte, nur noch für Zoologie und vergleichende Anatomie zuständig sein zu dürfen, d. h. den Lehrstuhl zu teilen, und ihm dies zugestanden worden war, konnte die Fakultät nach mancherlei mißglückten Berufungen erst 1845 Prof. Friedrich Arnold (1803-1890) aus Freiburg für Anatomie, Pathologie und Physiologie gewinnen. Rapp zog dann mit der zoologischen Sammlung ins Tübinger Schloß um, wo er das erste Zoologische Institut gründete (9). Unter Arnold wurde als Nachfolger des erkrankten und 1848 pensionierten Baur (er behielt aber die Pacht des Anatomiegartens bei) sein ehemaliger Freiburger Schüler Hubert Luschka (1820-1875) Prosektor und Extraordinarius. Schon 1852 folgte Arnold einem Ruf nach Heidelberg und Luschka übernahm vertretungsweise die Anatomie und Pathologie, wofür er dann 1855 Ordinarius wurde, während der Internist Karl Vierordt die Physiologie erhielt, aber auch die Pathologie unterrichtete. Anscheinend wollte keiner der beiden neuen Ordinarien die Pathologie voll vertreten, so konnte 1863 dafür der ehemalige Klinikassistent Dr. Karl Liebermeister (1833-1901) gewonnen werden, der dann 1864 der erste Ordinarius für dieses Fach wurde. Er ging allerdings 1865 bereits wieder weg, als er einen Ruf als Internist nach Basel erhielt (10). Von dort wurde er 1871 wieder nach Tübingen als Direktor der Medizinischen Klinik gerufen. Unter Liebermeisters Nachfolger O. Schüppel erhielt die Pathologie 1868 ihren Neubau beim Stadtfriedhof und 1874 zog Vierordt mit der Physiologie in seinen Neubau in der Gmelinstraße.

Nach Auszug der Zoologie, der Pathologie und der Physiologie war die Anatomie unter H. Luschka mit seinem Nachfolger und er Prosektor, Prof. Emil Dursy (1828-1878), Alleinherr im Gebäude. Luschka war ein bedeutender Anatom, der über fast alle Bereiche des menschlichen Körpers forschte und veröffentlichte. Seinen Namen tragen heute noch einige anatomische Strukturen, z. B. ein Abfluß einer Hirnkammer. Dursy war einer der ersten Forscher, die sich mit der Embryonalentwicklung des Menschen beschäftigten. Nach Luschkas Tod folgte 1875 Prof. Wilhelm Henke (1834-1896) als Ordinarius und Institutsdirektor. Sein Hauptinteresse galt dem Bewegungsapparat. Dem 1878 ausscheidenden Dursy folgte August Froriep (1849-1917) als I. Prosektor. Er war der Enkel des schon 1808-1815 als Chirurg und Anatom in Tübingen wirkenden Prof. Ludwig von Froriep. 1876 wurde auch eine erste, feste Assistentenstelle eingerichtet, genannt 2. Prosektur. Der erste auf dieser Stelle war für 2 Jahre Hermann Wildermuth (1852-1907), Sohn der schwäbischen Dichterin Ottilie Wildermuth, der zwar gerne Anatom geworden wäre, doch sich von Henke und Dursy nicht genügend gefördert fühlte11; er wurde später ein bedeutender Psychiater (12).

Als 1875 die beiden militärchirurgischen Anstalten in Stuttgart und Ludwigsburg, an denen auch Anatomie unterrichtet worden war, aufgehoben wurden 13 und die Militärärzte in Tübingen ausgebildet werden sollten, wo die Zahl der Medizinstudenten sowieso schon im Zunehmen war, und als außerdem ein Kurs "Präparierübungen" verbindlich vorgeschrieben wurde, beantragte Henke einen Kurssaalanbau, der 1879-1882 aufgeführt wurde. Er geht senkrecht vom Mittelteil des Hauptbaus nach Süden in den dort anstehenden Berghang. Vom I. Stock des Hauptbaus aus erreicht man durch ein Verbindungsstück, das für eine Durchfahrt nicht unterbaut ist, die Vorräume einschließlich eines bescheidenen Waschraums mit 10 Waschbecken für über 100 Studenten. Dahinter beginnt der Kurssaal, der für 12 Arbeitstische vorgesehen war; später mußte man bis zu 20 Tische hineinpferchen und an jeden mehr als die doppelte Menge Studenten stellen, als ursprünglich geplant. Der vordere Teil des Anbaus war für die Leichenaufbewahrung unterkellert (14). Vom Leichenkeller geht zum Kursraum ein Aufzug. Gleichzeitig wurde das einst 1835, trotz Widerspruchs des damaligen Kanzlers und vormaligen Anatomen Prof. F. Autenrieth falsch orientierte Hörsaalgestühl (5) umgeordnet. Zuvor war der Blick der Hörer nach Westen gerichtet, wo durch 3 hohe, sich über beide Stockwerke erstreckende Fenster ab Nachmittag die Sonne hereinschien, blendete und aufheizte. Diese Fenster wurden erst vor 20 Jahren zugemauert.

Im Altbau wurden durch den Anbau zwar die Räume für die Leichenaufbewahrung und den Präparierkurs frei, dafür wurden wohl damals schon andere Räume im Erdgeschoß als Garderobenräume für die Kursteilnehmer eingerichtet. So war eigentlich im Haus kaum Platz geschaffen worden. Deshalb ließ A. Froriep, seit 1895 Nachfolger Henkes im Ordinariat, den Mittelteil des Altbaus aufstocken. Dadurch wurden 5 Räume geschaffen; im östlichen "Pavillon", dem vorherigen Sammlungsmagazin, entstand ein Direktorzimmer und ein Direktorlabor, im Mittelteil konnte außer dem Treppenraum 3 Laboratorien eingerichtet werden.

Als Froriep 1899 eine Ammoniak-Kommpressions-Kühlanlage in den Leichenkeller einbauen ließ (erst um dieselbe Zeit wurde die Konservierung der Leichen mit fixierenden Infusionen eingeführt), wurde dafür die notwendige elektrische Installation eingerichtet. Außer dem Leichenkeller erhielt auch das "Fotolabor", ein auf den nördlichen Anfangsteil des Anbaus aufgesetztes, mit Oberlicht versehenes Türmchen, eine elektrische Leitung. 1906 wurde eine elektrische Installation für das ganze Institut beantragt, aber nur für einige weitere Räume genehmigt. Noch 1918 wurden Petroleum- und Carbidlampen angeschafft (15), und erst 1919 das ganze Haus mit Elektrizität versehen (5).

Wegen der weiteren Zunahme der Studenten, die zudem jetzt in 2 Wintersemestern an "Präparierübungen" teilzunehmen hatten, mußte der Kurssaal erweitert werden, und ein Mikroskopiersaal wurde ebenfalls notwendig, denn auch ein derartiger Kurs wurde nun vorgeschrieben. So baute man 1906-1907 an den Kurssaal im Süden einen etwas breiteren Block an, der sowohl zweistöckig, als auch unterkellert wurde. Auf den bisherigen Trakt setzte man ebenfalls einen 2. Stock als Mikroskopiersaal auf und unterkellerte ihn vollends ganz. Der Leichenkeller erhielt damit seine endgültige Größe. Im Oberstock des neuen Anbaus wurde zunächst die Sammlung untergebracht, die dann später in den Anbau von 1935 kam, so daß dann auch der Mikroskopiersaal größer wurde. Als Fotoatelier, später Zeichenraum, wurde auf das ganze nochmals ein turmartiger Raum aufgesetzt.

In diesem, inzwischen recht großen Gebäude unterrichteten und forschten August Froriep bis 1917 und seine Nachfolger in der I. Prosektur bzw. Extraordinariat, zuerst der Ungar Prof. Mihail von Lenhossék (1836-1937), der 1899 Ordinarius in Budapest wurde, dann Prof. Martin Heidenhain (1864-1949). Dieser wurde 1917-1933 selbst Nachfolger Frorieps, während auf dem Extraordinariat Friedrich Wilhelm Müller (1873-1933) folgte und nach dessen Weggang nach Graz 1924 Otto Oertel (1891-1936). Die Zahl der Assistenten, bzw. 2., 3. und 4. Prosektoren, wurde ebenfalls vermehrt. Einige wenige seien genannt: Rudolf Disselhorst 1893-1898, später Ordinarius für Veterinäranatomie in Halle; Hans Krieg 1918-1922, danach Südamerikaforscher und später Direktor der Bayerischen Staatssammlungen und Präsident des Naturschutzrings; Max Schwarz 1922-1924, später Ordinarius für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde in Frankfurt, dann 1951-1966 in Tübingen; Kurt Neubert 1925-1932, später Ordinarius für Anatomie im Rostock und nach dem Krieg in Würzburg; Rüdiger von Volkmann 1925-1928, später Ordinarius für Anatomie in Jena.

Haidenhain war ein bedeutender Mikroskopiker. Vor allem seine Verdienste auf dem Gebiet der histologischen Technik (Methoden der Fixierung und Färbung für die Herstellung mikroskopischer Präparate) sind heute noch wirksam. Für seine Versuche stellte er 1914 den gelernten Feinmechaniker Paul Graf (1892-1962) an, der, bis Ende 1958 im Amt, jährlich 30.- bis 40.000 Präparate für den Kurs herstelle, die die Kursteilnehmer mitbekamen. Diese Heidenhainschen, man könnte ebenso richtig sagen, Grafschen Präparate sind heute noch begehrt und gesucht.

Wenn der I. Weltkrieg nicht ausgebrochen wäre, hätten wir möglicherweise einen weiteren Anbau stehen. Froriep forderte nämlich im März 1914 wegend er gewaltigen Zunahme der Medizinstudenten - seit 1910 gab es auch Studierende der Zahnmedizin in Tübingen - einen weiteren ebenso großen Kurssaal wie den bisherigen, der nach Osten im rechten Winkel an den von 1906/07 angeschlossen werden sollte (5). Und kaum war der Krieg zu Ende, wünschte Heidenhain am 10.11.1918 einen völligen Neubau. Sein Gutachten an die Fakultät über das bisherige Institut ist vernichtend (5): Der Kernbau sei ein übler Bau. Nur das unterste Stockwerk sei aus Stein, leider aus Sandstein, der Wasser zieht. Die übrigen Stockwerke nur Riegelwerk. Das mittlere Langhaus wieder als Fachwerk, an diesem ein Querhaus aus Stein. Der vordere Bau nicht unterkellert. Das Auditorium liege genau an der falschen Seite, vor allem wegen der einfallenden Sonne. Ventilationsanlage und Zentralheizung fehlen. Seit Jahrzehnten habe man nur geflickt und angestückt usw. Sein Lamento nützte nichts, das Geld war nicht da.

Erst als Otto Oertel, schon seit 1926 persönlicher Ordinarius, 1933 die Nachfolge des emeritierten Heidenhain antrat, erhielt er einen Hörsaalanbau. Der alte Hörsaal war mit seinen 149 Sitzplätzen schon lange viel zu klein, wenn er auch wegen seiner in den Reihen durchgehenden Klappbänke enger besetzt werden konnte. Der Anbau wurde 1933-1935 erstellt. Er mußte wegen des Grundstücks mit einem schwach gebogenen Verbindungsstück an die Ostflanke des Altbaus gesetzt werden. Hier entstand im Obergeschoß ein Hörsaal mit 249 festen Sitzen, im Erdgeschoß eine zentrale Garderobe, um die 3 größere Räume herum gruppiert waren. Über dem östlichen Raum befand sich noch ein Lernsaal für die Studenten, der wegen Raummangels erst einige Jahre nach dem 2. Weltkrieg aufgegeben werden mußte. Er ist heute Sammlungsraum. Im Verbindungsstück ist unten auf der Konvexseite der Eingang, gegenüber ein großer Aufzug und ein chemisches Labor. Über dem Eingang war ein großes Prüfungszimmer, heute als Labor geteilt, gegenüber ein Vorbereitungszimmer für den Hörsaal. Der ganze Anbau ist unterkellert für Heizungsräume und verschiedene Labors und Werkstätten. Von diesen neuen Kellerräumen aus wurde unter dem Altbau hindurch ein Durchgang zu einem kleinen, vielleicht 1889 gebauten Keller unter der ehemaligen Hausmeisterwohnung durchgebrochen. Gleichzeitig wurde im Westen des Instituts ein geräumiges Wohnhaus für den Hausverwalter erstellt, so daß dessen Räume im Erdgeschoß des Altbaus für Bibliothek und Emerituszimmer frei wurden.

Während der Bauarbeiten machte sich einmal ein mit Bauaushub gefüllter Wagen selbständig, rollte den Österbergweg hinab über den Platz des Lustnauer Tors (Schimpfeck) und geradewegs in den Verkaufsraum des Papiergeschäftes Schimpf. Bei den heutigen Verkehrsverhältnissen wäre eine solche Fahrt nicht ohne größeren Schaden abgegangen. Weil auch einmal ein Bauarbeiter von herabstürzenden Erdmassen verschüttet wurde, allerdings noch lebend geborgen werden konnte, verlangten die Baubehörden Einstellung des Baus, bis eine bessere Sicherung erreicht sei. Der weitere Bau verlief dann aber ohne Zwischenfälle. Von den Bauarbeiten machte Martin Fischer 1934 und 1935 sieben hübsche Zeichnungen".

Oertel konnte seinen neuen Hörsaal nicht mehr selbst einweihen, er starb kurz zuvor an Kehlkopfkrebs. Sein Nachfolger im Extraordinariat seit 1933 war Walther Jacobj (1890-1965); er setzte Oertel eine Gedenkplatte im Foyer des neuen Hörsaals. Jacobj wurde trotz inzwischen längerer Tradition nicht Nachfolger im Direktoriat, man brauchte einen parteikonformen Mann und holte Robert Wetzel (1898-1962) aus Würzburg, einen allerdings gebürtigen Tübinger. Wetzel interessierte sich mehr für Vorgeschichte (Lonetalausgrabungen) und für Politik, sein Unterricht war furios und sein Verhältnis zum Extraordinarius schlecht. Nach dem Krieg wurde Jacobj dann Institutsdirektor. Er holte sich den schon im Krieg als Dozent an der Marineärztlichen Akademie am Institut tätig gewesenen Heinz Feneis (geb. 1908) als Hilfe. Dieser wurde 1950 als Extraordinarius bestätigt.

Nach dem Krieg mußte das Institut das für den neuen Staat Südwürttemberg-Hohenzollern erforderliche und neu geschaffene Landesveterinäruntersuchungsamt in seinen Räumen aufnehmen. Es konnte erst Ende 1955 unter großen Schwierigkeiten nach Lustnau wieder ausquartiert werden und zog 1957 von dort nach Aulendorf.

Jacobj mußte sich wegen einer schweren Erkrankung 1956 emeritieren lassen, sein Nachfolger wurde 1958 Emil Tonutti (geb. 1909), zuvor Ordinarius für Anatomie in Gießen. Erst durch Tonutti konnte dann, was schon Froriep 1914 gewünscht hatte, ein weiterer Kurssaal angebaut werden. Weil aber damals schon Pläne existierten, nach denen die ganze Medizinische Fakultät auf den Schnarrenberg verlegt werden sollte, durfte kein fester Bau mehr erstellt werden, sondern nur eine Art "Baracke" als Behelf für wenige Jahre. Diese wurde dann parallel zum bisherigen Kurssaalanbau, westlich davon, erstellt und der Zugang zu beiden Kursbauten in Form einer Freitreppe zwischen diesen aufgeführt. Der Bau war 1962 fertig, als Tonutti bereits Tübingen wieder nach Bonn verließ. Sein Nachfolger wurde Walther Graumann (geb. 1915), der ebenfalls aus Gießen kam.

Nach Inbetriebnahme des neuen Kursgebäudes, in dem auch ausreichend Waschgelegenheiten und Garderobenräume eingerichtet sind, konnten die im Erdgeschoß des Altbaus befindlichen Garderobenräume anderweitig benutzt werden. So fanden danach noch mehrere Jahre verschiedene Umbauten im Altbau statt. Ein größerer Umbau wurde 1970 im Leichenkeller durchgeführt. Die Lagerung der Kursleichen war bis dahin nicht mehr zeitgemäß, d. h. unwürdig und unhygienisch. Aufgrund von Überlegungen mehrerer Institutsmitglieder mit dem Universitätsbauamt konnte eine neuartige, allen modernen Anforderungen gerechte Aufbewahrungsart eingerichtet werden (17), die seither Nachfolge im In- und Ausland gefunden hat. Bei diesen Arbeiten wurde der 1830 gegrabene und 1879 unzureichend abgedeckte Pumpbrunnen wieder entdeckt.

Schon unter Tonutti begann eine weitere Vermehrung der Assistentenstellen, aber auch der Stellen von medizinisch-technischen Assistentinnen, Schreibkräften und Hilfsdiensten. Die Maximalzahl Institutsmitglieder, die um 1970 bestand, wird seither wieder wegen der bekannten Sparmaßnahmen reduziert.

1964 konnte ein zweites Extraordinariat geschaffen werden, das von Prof. Klaus Hinrichsen (geb. 1927) besetzt wurde. 1969 wurde zuerst das erste, dann das zweite Extraordinariat zum Lehrstuhl II und III angehoben. Hinrichsen war von Oktober 1969 bis April 1970 Rektor der Universität und folgte anschließend einem Ruf nach Bochum. Sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl III wurde Prof. Michael Arnold (geb. 1928), seit 1962 Assistent und Wiss. Rat am Institut. Und nach der Emeritierung von Prof. Feneis folgte ihm auf dem Lehrstuhl II Prof. Ulrich Drews (geb. 1938), ein Schüler Tonuttis, der zuvor in Münster war. 1964 wurden die Gruppen der wissenschaftlichen und der akademischen Räte eingeführt. Damals wurde der seit 1947 am Institut tätige Prof. Klaus Mörike (geb. 1916) wiss. Rat. Er richtete ab 1973 eine Sonderbetreuung der Zahnmedizinstudierenden ein, deren Unterricht wegen der Reform des Medizinstudiums nicht mehr im Studienplan der Mediziner integriert werden konnte. Nach seiner Pensionierung 1980 übernahm Prof. Wolfgang Dauber (geb. 1936), zuvor in Homburg an der Saar, den Lehrbereich Zahnmedizin. Ebenso wie Prof. Arnold besetzte Prof. Dieter Sasse (geb. 1934) einige Zeit eine wiss. Ratsstelle, bis er 1973 einen Ruf auf ein Ordinariat in Freiburg annahm, von wo aus er nach Basel ging. Seit 1977 ist Prof. Klaus Reutter (geb. 1937) für Neuroanatomie zuständig. Eine akademische Ratsstelle hat seit 1976 Prof. Christian Klessen (geb. 1940) inne; er wurde 1980 akadem. Direktor und betreut die Kurse für mikroskopische Anatomie.

Von der Vielzahl der Assistenten können wieder nur wenige genannt werden: Johannes Rohen 1946-1948; jetzt Ordinarius für Anatomie in Erlangen; Udo Merkle 1951-1964; jetzt akadem. Direktor und Professor in Erlangen; Ewald Wüstenfeld 1951-1953; später Ordinarius in Berlin; Christoph Jerusalem 1952-1963, derzeit Ordinarius für Histologie in Nimwegen; Hans-Günther Goslar 1959-1962, jetzt Ordinarius in Düsseldorf; Martin Hermann 1959 bis 1962, jetzt Ordinarius für Anatomie in Ulm.

Nach dem Krieg kam die Forschung am Institut unter den Direktoren Tonutti und Graumann wieder kräftig in Gang. Tonutti und sein Schüler M. Hermann beschäftigten sich besonders mit der morphologischen Endokrinologie, während H. Goslar sich histochemisch betätigte. Die Histochemie (Analysierung des Chemismus der Gewebe und der Zellen) ist das Hauptarbeitsgebiet von Graumann, Arnold, Sasse, Reutter und ihrer Assistenten und Doktoranden. Daneben wurde aber von anderen auch mit makroskopischen und mikroskopischen Methoden untersucht, so daß ein Gesamtüberblick zu geben unmöglich ist.

Mit der Emeritierung von Prof. W. Graumann im Frühjahr 1984 wurde auch sein Ordinariat nicht mehr besetzt. Hinfort bestehen also am Institut noch der Lehrbereich Anatomie I (Prof. Arnold), der Lehrbereich Anatomie II (Prof. Drews), der Lehrbereich Anatomie für Zahnmediziner (Prof. Dauber) und die Professur für Neuroanatomie (Prof. Reutter). Der Institutsdirektor wird, nachdem er seit dem 15. Jahrhundert vom Herzog, dann vom König und zuletzt vom Ministerpräsidenten ernannt wurde, nunmehr alle paar Jahre von der Fakultät für theoretische Medizin gewählt. Der erste gewählte Direktor ist seither Prof. Arnold.

Das heute anderthalb Jahrhunderte stehende, mehr geschmähte als gelobte, angeflickte und angestückte und um 1960 schon für bald tot gesagte Gebäude hat vieles erlebt und über sich ergehen lassen müssen. Es hat den Anschein, als ob es noch lange leben und die Anatomie in sich beherbergen wird. Es ist ganz gut und brauchbar so. Gerade durch seinen allmählich gewachsenen Stil hat es einen geradezu persönlichen Charakter, in dem man sich wohler fühlen kann als etwa in einem der modernen, genormten Betonbunker. Die wichtigsten seiner Funktionen sind die einer gründlichen und zweckmäßigen Ausbildung der Studenten und die einer ausreichenden Forschungsmöglichkeit seiner Mitglieder. Ob dafür an ihm noch weiter an- und umgebaut werden muß, steht in den Sternen.

Nachweise
(1) UAT (Universitätsarchiv Tübingen) 117/722.
(2) UAT 117/724.
(3) Joh. Wolfgang Goethe: Tagebücher, 8.9.1797.
(4) UAT 68/2.
(5) UAT 117/723.
(6) Alfred Dehlinger: Christoph Herdegen. Schwäb. Lebensbilder 5, 192-213, 1950.
(7) Wilhelm Rapp: Anzeige zur Eröffnung des neuerbauten Anatomischen Theaters der Universität Tübingen. Tübingen 1836.
(8) C. F. Leins: Architekturbild der Universitätsstadt Tübingen und ihrer Umgebung. Festschrift des 400jährigen Bestehens der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Stuttgart 1877.
(9) Gerhard Fischer: Tübinger Anatomie im 19. Jahrhundert. Med. Diss. Tübingen 1971.
(10) Theodor Buder: Carl Liebermeister. Schwäb. Lebensbilder 5, 424-439, 1950.
(11) UAT 117/729
(12) Robert Gaupp: Hermann Wildermuth. Schwäb. Lebensbilder 3, 603, 1942.
(13) UAT 117/725
(14) Wilhelm Henke: Das Anatomische Institut. Festgabe zum 25. Regierungsjubiläum S. M. des Königs Karl. Tübingen 1889.
(15) Inventarbuch des Anatomischen Instituts.
(16) UAT 174.
(17) Helmut Tutsch, G. Stahl, K. D. Mörike, H. Guckes und M. Arnold: Zur Aufbewahrung anatomischer Präparierobjekte. Der Präparator 17, 89-95, 1971.